RIDER's Journal #1: BREMEN - BROCKEN - BREMEN

VON MARION DZIWNIK
„Es ist Mitte Juni im Corona-Sommer 2020. Seit zwei Monaten trainiere ich – dank der plötzlich fehlenden Struktur in meinem Alltag – mal wieder ganz streng nach Plan. Ich bin topfit. Gleichzeitig sind alle Wettkämpfe, an denen ich teilnehmen wollte, bereits abgesagt oder werden es noch. Wattzahlen jagen macht mir zwar Spaß, aber irgendein großes Ziel, eine Herausforderung, die diesen Sommer besonders macht, fehlt mir noch. 

Dann entdecke ich Bremen-Brocken-Bremen in meinem Social Media Feed: „Norddeutschland‘s erster self-supported Bikepacking-Marathon“… hm, klingt eigentlich genau nach meinem Ding. Aus der Corona-Krise entstanden, werden dabei alle aktuellen Kontakt- und Reisebeschränkungen berücksichtigt – ziemlich genial – und neben verschiedenen Wertungen für Männer und Frauen gibt es auch noch fette Preise – ok, das ist ein Zeichen: Es ist an der Zeit, meine längste Radtour in-one-go zu überbieten. Da muss ich mitmachen. Das wird mein großes Rennrad-Ziel diesen Sommer… und das wird hart.“

ÜBER MARION

Moin! Ich bin Marion (aka Supermajon), 34 Jahre alt und lebe zur Zeit in Hamburg, wo ich als Postdoktorandin am Fachbereich Mathematik der Uni Hamburg arbeite. Davor habe ich lange in Berlin gelebt, wo ich studiert und promoviert habe und immer noch gerne und oft bin. Neben Mathematik und Radfahren, gehe ich auch gerne Klettern und Laufen, liebe Techno und Aperol Spritz… und natürlich meinen Freund ;).

In 2015 habe ich mit Fixed Crits angefangen, zunächst Rad Race, dann Red Hook Crit. Die Fixie Szene sowie die kurzen und knackigen Crits waren lange genau mein Ding, trotzdem hatte ich nach zwei Jahren Vollgas im Kreis fahren auch mal Bock auf was anderes. Als mich Johanna Jahnke, meine Freundin und Fixed-Crit-Komplizin, dann Ende 2017 fragte, ob ich mit ihr als Team zusammen am Transcontinental Race (TCRNo6) teilnehmen möchte, habe ich sofort zugesagt. Das war mein Einstieg in die Ultradistanz-Radsport-Szene.

In diesem Jahr bin ich bei Bremen – Brocken – Bremen an den Start gegangen: 500 km am Stück zu fahren stand schon lange auf meiner „Bucket List“ und die Corona-konformen Rennbedingungen waren für mich perfekt. Meine beiden längsten Radfahrten bis dato waren der erste Tag vom TCR in 2018 (420 km mit 4. 500 Hm) und 24h Rad am Ring 2019 (440 km mit 9.600 Hm) – aufgrund der Startzeiten (22 und 12 Uhr), leider beide inklusive einer für mich sehr zermürbenden Nachtfahrt.

Da man sich bei Bremen – Brocken – Bremen den Tag und die Startzeit innerhalb des Wertungszeitraums frei aussuchen konnte, war es für mich die ideale Gelegenheit mein 500km-in-one-go Ziel mit minimalem Schlafentzug zu realisieren. Außerdem waren für mich die Lage des Startpunkts (nur eine Stunde von Hamburg entfernt) und das Höhenprofil (nicht zu bergig und nicht zu flach) auch sehr günstig.

Da ich 500 km nicht nur einfach so zum Spaß fahre – das ist mir viel zu lang – und außerdem nicht mit Schlafentzug zu kämpfen haben wollte, war es schon von Anfang an mein (Mindest-)Ziel, in unter 20h durch zu kommen.

Da man mit bis zu vier Personen zusammen fahren durfte, fiel mir sofort meine Freundin Kim als potentielle Teampartnerin ein: Ich hatte auf Strava beobachtet, wie sie zuletzt längere Distanzen zum Spaß alleine mit 30er Schnitt gefahren ist, genau wie ich. Wir passen also tempo- mäßig auf langen Distanzen ganz gut zusammen, außerdem verbindet uns unser extremer Ehrgeiz und manchmal nicht ganz ernst gemeinter Größenwahnsinn.

Ich hab ihr also kurz nachdem ich Bremen – Brocken-Bremen entdeckt habe geschrieben. „Hey Kim, da ist übrigens demnächst so ein self-supported Bikepacking-Marathon über 510km, von Bremen auf den Brocken und zurück, bei dem ich gerne mitmachen… eh, gewinnen würde! Wir könnten das ja zusammen reißen, hast du Bock?“ Sie hat sofort zugesagt. „Aber lass uns die Gesamtwertung auch noch rocken. Top 5 oder so, ich glaube das schaffen wir“, hat sie noch hinzugefügt.

Der Track

Man durfte die Strecke vom Bremer Weserwehr auf den Gipfel des Brockens und zurück zwar frei wählen, jedoch gab es auf der Event-Seite einen schon ganz gut ausgearbeiteten Streckenvorschlag. Dieser führte nur auf Hin- und Rückweg auf zwei verschiedenen Seiten des Brockens entlang und ich habe mir dann angeguckt, welche Seite sich schneller fahren lässt. Das ist der nördliche Weg über Wernigerode, da man auf der südlichen Seite über Torfhaus noch einen zusätzlichen längeren Anstieg drin hat. Dabei sind beide Varianten von der Länge her gleich. Ich hab also für den Hin- und Rückweg den gleichen, schnelleren Weg über Wernigerode gewählt. Mehr hab ich nicht verändert.

Das erste und letzte Drittel sind flach, da kann man gut Tempo machen, wobei man typischerweise auf einer der Richtungen Gegenwind hat (wir hatten eher Seitenwind auf beiden Richtungen). Das mittlere Drittel sind der Anstieg zum und die Abfahrt vom Brocken, eigentlich ganz cool für ein bisschen Abwechslung in der Sitzposition.

Das Highlight der Strecke ist der Brocken, klare Sache! Der Anstieg zieht sich über 25 km und dabei sind die letzten 10km nochmal knackig bergauf. Eigentlich ein sehr schöner Anstieg, mit 230km in den Beinen aber auch leider kein Spaziergang. Außerdem gab es da auch noch die Bergwertung des Events (auf den letzten 10 km bis zum Gipfel), die wir uns natürlich ebenfalls holen wollten.

Die Vorbereitung

Ich habe diesen Sommer bei der Orbit360 Gravel-Serie mitgemacht (und eine Top 10-Platzierung in der Gesamtwertung geholt), was auch immer Strecken zwischen 200 und 300 km waren. Ich war also praktischerweise physisch und mental sowieso schon ganz gut vorbereitet.

Zu unserer Taktik mussten wir uns vor allem überlegen, wie wir am besten durchkommen, ohne unseren Schlafrhythmus zu sehr durcheinander zu bringen – für uns beide ein extrem wichtiger Faktor für Spaß und Leistung. Wir entschieden uns dafür, gegen 5 Uhr morgens loszufahren, um dann idealerweise nach 18 Stunden, also um 23 Uhr, wieder zurück zu sein. Unser Plan sollte (fast) perfekt aufgehen.

An meinem Fuji SL Disc Rennrad hatte ich meinen kleinen Zeitfahraufsatz und den Seatpack-Stabilizer montiert. Letzterer ist besonders genial, da er neben der Stabilisierung der Satteltasche auch noch Aufnahmen für zwei weitere Trinkflaschen bietet – ein klarer Vorteil bei Straßen-Rennen, bei denen die Gesamtzeit und somit auch die minimale Pausenzeit zählt. Außerdem hatte ich noch eine kleine Snack Bag am Lenker, aus der ich unkompliziert und kontinuierlich während der Fahrt gesnackt habe.

DAS RENNEN

Es lief im Großen und Ganzen super. Bis zu unserer ersten Pause nach 170 km sind wir sogar einen knappen 33er Schnitt gefahren und haben uns kurz ausgemalt, wie krass es wäre, die Top 2 der Gesamtwertung zu knacken. Bei den vor uns liegenden Höhenmetern und dem in der Regel immer anstrengenderen Rückweg war das aber zugegebenermaßen nicht ganz realistisch. Aber so sind wir nun mal ;).

Auf dem Anstieg zum Brocken hat sich dann mein vorderer Schaltzug verabschiedet und ich konnte nicht mehr auf‘s große Blatt schalten. Das war kein Ding, solange es bergauf ging – für den Rückweg musste ich mir aber etwas einfallen lassen. Ich hab dann nach dem Brocken meinen vorderen Umwerfer mit Tape so fixiert, dass er die Kette auf dem großen Kettenblatt gehalten hat. Dann konnte ich zwar vorne nicht mehr runter schalten… brauchte ich aber auch nicht mehr.

Die letzten beiden Stunden im Dunkeln waren dann nochmal richtig zäh. Die Beine waren nicht das Problem, aber Po, Rücken und Müdigkeit machten sich bemerkbar. Durch meine technischen Probleme sind wir außerdem aus unserem Pausenplan raus gekommen und hatten 40 km vor Schluss nichts mehr zu trinken. Gleichzeitig schienen alle Tanken und Supermärkte auch schon zu zu sein. Dann haben wir aber doch noch (ich glaube es war bei 24 km zum Ziel) eine offene Aral Tankstelle gefunden – unsere Rettung!

Mein persönlicher Tiefpunkt war irgendwo 30-40 km vor Schluss, als alle meine Trinkflaschen fast leer waren und es so aussah, als müsste ich mich darauf einstellen, das letzte Stück trocken zu fahren. Außerdem war es kalt, dunkel und keine der möglichen Sitzpositionen war noch bequem. Dann kam aber glücklicherweise noch eine Aral-Tankstelle die offen hatte, da habe ich meine Trinkflaschen aufgefüllt und mich wärmer angezogen. Das hat meine Laune gerettet.

Am Ende hatten wir einen 29,4er Schnitt, bei einer Gesamt-Pausenzeit von 53 Minuten – das ist super für die doch relativ vielen Komplikationen. Damit sind wir (wie geplant) auf dem ersten Platz in der Damenwertung und Platz 1 (Kim) und 2 (ich) in der Bergwertung am Brocken gelandet. In der Gesamtwertung haben wir uns Platz 5 geholt.

Die LearNings

Am Ende sind es nicht die Kilometer in den Beinen, oder die Watt, die ich noch treten muss, die mich zermürben, sondern die Zeit die ich schon im Sattel verbringe. Am Ende werden nicht die Beine das Problem sein, sondern der Rücken, Po und die Müdigkeit. Und ja, ich hab ein gut gefittetes Rad mit dem für mich passenden Sattel. Aber ich behaupte mal, dass einem nach 18 Stunden selbst vom Sitzen auf einem Sofa der Hintern weh tut. Für mich wird die Taktik bei solchen Rennen also immer sein, das ganze so schnell wie möglich und mit so wenig Pausen wie möglich hinter mich zu bringen. Alles andere wäre nur noch anstrengender. Früh morgens mit ausreichend Schlaf loszufahren war außerdem die richtige Entscheidung und würde ich nochmal genau so machen.

Wenn ihr das ganze „entspannt“ in unter 24h fahren wollt, dann versucht doch mal eure Pausenzeit zu optimieren, denn darüber geht echt viel. Die guten Ultradistanz-Radfahrer gewinnen ihre Rennen übrigens auch nicht dadurch, dass sie besonders schnell fahren, sondern durch ihre minimalen Pausenzeiten. 

Meine Tipps hierfür sind: auf dem Rad zu essen und zumindest die feste Nahrung für die gesamte Fahrt dabei zu haben bzw. alternativ genau zu wissen, was man wo kauft, so viel wie möglich an Trinken dabei zu haben und wenn man in Gruppen fährt, die Pausenzeiten der anderen zu nutzen, z.B. wenn einer auf‘s Klo muss, dann geht man prophylaktisch gleich mit, damit man 50 km später nicht gleich wieder anhalten muss.

Falls ihr die Wahl habt: Fahrt nicht am Wochenende tagsüber auf den Brocken rauf, denn dann ist es auf den letzten Kilometern zum Gipfel eigentlich immer richtig nervig voll. So war es auch bei uns, aber wir hatten leider keine andere Wahl. Außerdem sind die Temperaturen oben oder spätestens bei der Abfahrt doch immer recht kühl, sogar im Hochsommer. Eine leichte Jacke und Handschuhe sind deswegen für mich ein absolutes Muss, wenn ich da hoch fahre.

Ich hab nicht direkt Tipps speziell für Frauen, würde aber an dieser Stelle trotzdem gerne etwas loswerden: Liebe Frauen, falls ihr Bock habt, mal bei so was mitzumachen, euch aber noch nicht traut: Man muss keine langjährige Langstreckenerfahrung haben, nicht ultrahart im Nehmen sein und auch nicht speziell trainieren, um so eine Distanz zu meistern. Klar, eine gewisse Grundfitness sollte man schon mitbringen, aber wenn man, sagen wir mal 100 km am Stück fahren kann, ohne dass einem hinterher alles weh tut, ist man glaube ich schon ganz gut aufgestellt. Den Rest macht dann die ausreichende und kontinuierliche Ernährung während der Fahrt und die Motivation. 

Ich würde mich jedenfalls freuen, mehr Frauen bei solchen Veranstaltungen zu sehen, um gemeinsam die Männerszene aufzumischen.

Bremen Brocken Bremen - Selbst eingebrockt!

  • Norddeutschlands erster self-supported Bikepacking-Marathon
  • Von Bremen zum Brocken – und zurück in 24 Stunden
  • Alleine oder im Team (max. 4) gegen die Uhr
  • 510 KM & 2.670 HM (Routenempfehlung)
  • Gesamtwertung, Bergwertung und Punktewertung
  • Rennzeitraum 01.06. – 31.08.2020
  • „Mit dem Weg vor Augen ist der Berg das Ziel“
Mehr Informationen unter: bremenbrockenbremen.de

Fotos & Text: Marion Dziwnik, Julian Helms
Grafik: Bremen Brocken Bremen

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