Orbit360 - Weidmannsheil in Thüringen

Die erste Ausgabe der Orbit360 Gravel Serie ist im Sommer zu Ende gegangen und was bleibt – neben vielen großartigen Leistungen und beeindruckenden Bildern – sind die Tracks. Die sind auch im Herbst nicht weniger anspruchsvoll, aber noch bunter. Bei bestem Herbstwetter habe ich gemeinsam mit Tobias Köpplinger, der bereits beim Tuscany Trail, der Tornio-Nice Rallye und dem Atlas Mountain Race am Start war, den Thüringen Orbit unter die Räder genommen. Für uns Beide war die Strecke nicht komplett unbekannt und doch hatten wir noch ein Rechnung mit ihr offen. Nicht im Rennmodus, sondern als Overnighter wollten wir den Track gemeinsam angehen – am Ende wurde es ein langer und wunderschöner Herbsttag im Sattel die Saale und den Rennsteig entlang.

Bikepacking lebt vor allem von zwei Dingen: Social Media und Events. Und genauso habe ich auch Tobias kennengelernt. Erst über Instagram und dann 2019 persönlich beim Bikepacking Franconia. Ebenso hat mich Instagram wissen lassen, dass Tobias noch eine Rechnung mit dem Thüringen Orbit offen hat, nachdem er bei Gewitter und Regen einen ersten Anlauf im Sommer vorzeitig beenden musste. Gleichzeitig wollte ich diesen Orbit, der mit 4.580 HM definitiv etwas für die Kletterer und mein „Heimat-Orbit“ ist, auch in Angriff nehmen – warum also nicht gemeinsam?!

Gefragt, gesagt und nochmal gesagt war es vor einer guten Woche dann soweit, als wir beide am frühen Abend auf dem Wohnmobilstellplatz an den Feengrotten bei Saalfeld angekommen waren. Der liegt direkt am Track und bietet sich mit soliden 10 EUR für die Übernachtung als perfekter Ausgangspunkt für den Orbit an – nur einen reichlichen Vorrat an 50 Cent-Stücke sollte man ebenfalls im Gepäck haben für alle Bedürfnisse drum herum. Bei dem ein oder anderen fränkischen Bier haben wir den Abend mit allerlei Geschichten über’s Bikepacking und den Plänen für unsere Tour der nächsten zwei Tage verbracht: Für den Samstag hatten wir uns gute 130 km von Saalfeld bis nach Steinbach am Wald vorgenommen, um dort in einer der Schutzhütten auf dem Rennsteig zu übernachten und dann am Sonntag die noch verbleibenden etwa 90 km zurück zum Start in Saalfeld abzufahren.

Samstag mit dem Sonnenaufgang ging es dann los auf den Track, der direkt einen ordentlichen Anstieg für uns parat hatte. Eine gute Einstimmung auf die folgenden etwa 50 km bis nach Ziegenrück im Oberen Saaletal – sicherlich einer der schönsten wie auch anspruchsvollsten Abschnitte dieser ersten Orbit Ausgabe. Nachdem wir uns diesen ersten Anstieg hoch gearbeitet hatten, begrüßte uns auf dem Bergplateau zwischen Gartenkuppe und Talberg die aufgehende Sonne, die sich stimmungsvoll über die Berge und Täler des Thüringer Waldes erhob und den Morgen in ein wunderbares Licht tauchte. Ein beeindruckender Anblick, für den allein es sich schon gelohnt hatte, aufzustehen und ein kurzer Moment um inne zu halten, bevor es weiter in die erste Abfahrt und hinein in den nächsten der noch folgenden zahllosen Anstiege des Tages ging. 

Das Obere Saaletal entlang schlängelte sich der Track im steten Auf und Ab den Saalelauf abwärts. Die Landschaft ist geprägt von bewaldeten Berghängen und dem Flusslauf, der durch die Vielzahl von Staumauern mehrfach gebrochen wird. Nach gut 25 km auf Höhe der Preßwitzer Spitze eröffnete sich ein herrliches Panorama, bevor es in die Abfahrt zu Lothramühle ging.

Während wir langsam ins Tal hinab schotterten, tauchten auf einmal einige Hunde mit auffällig kurzen Beinen und dafür umso größeren Ohren direkt vor uns aus dem Wald auf. Komisch im ersten Moment und noch komischer, als im nächsten Moment ein Reh nur wenige Meter vor uns über den Weg hüpfte. Und nur Sekunden später wurde aus der Vorahnung, die uns beschlichen hatte Gewissheit: „Das ist ja unheimlich klug, was sie hier machen – haben Sie die Absperrungen nicht gesehen?!“ bellte diesmal nicht einer der Hunde, sondern eins von drei zugehörigen Herrchen mit Gewehr auf dem Rücken. Nein, wir hatten die Absperrungen nicht gesehen und ja, wir waren mitten in eine Jagd geraten. Nach einem freundlich aber bestimmt geführten Wortwechsel mit den Jägersleuten ließen diese uns beruhigt ziehen, nachdem uns der Track auch schnell wieder aus dem Jagdgebiet heraus führen sollte. Die Geräuschkulisse des jägereschen Treibens sollte uns noch ein paar Kilometer verfolgen, bis ein anderes Geräusch in unsere Ohren drang: ein lautes Zisch und der Vorderreifen von Tobi war platt – tubeless hin oder her.

Die Scherbe einer – im Ganzen eher willkommenen – Flasche Berliner Luft hatte eine mit mehreren Zentimetern deutliche Spur im Mantel hinterlassen, so dass es mit dem Einziehen eines Schlauches bei der noch angestanden Strecke wohl nicht getan gewesen wäre. Und hier unterscheiden sich jetzt die Menschen: Der eine ist schon genervt vom Plattfuß und für den anderen geht des Spaß er richtig los, denn er wächst mit seinen Aufgaben. Tobi schlägt eher in zweitere Kerbe und freute sich, dass Nadel und Faden (Zahnseide) endlich mal zum Einsatz kommen. Gute 30 Minuten später war der Mantel genäht, ein Schlauch eingezogen und mit neuem Druck auf dem Reifen konnten wir weiter nach Ziegenrück zu unserem ersten Stopp – nach etwa sechs Stunden für 50 Kilometer. Damit war der anspruchsvollere und auch landschaftlich reizvollere Teil der Strecke des Tages geschafft.

Weiter dem Lauf der Saale folgend, vorbei an der Bleilochtalsperre, ging es für uns über Saalburg bis nach Blankenstein. Die Strecke folgte dort größtenteils Radwegen und bot die Möglichkeit etwas Fahrt aufzunehmen, bis schließlich in Blankenstein der letzte Supermarkt für die nächsten 40 km und der Start auf den Rennsteig warteten. Nach etwa 10:30 Stunden und 100 km waren wir schließlich auf dem Rennsteig und hatten noch etwa 30 km bis zum Tagesziel nach Steinbach am Wald zu fahren, als es schon stockfinster war und Zeit die Stirnlampen raus zu holen. Nachdem wir die ersten der regelmäßig zu findenden Schutzhütten passiert hatten, mussten wir feststellen, dass fast alle bereits mit Schlafgästen belegt waren. Das stimmte uns etwas nachdenklich, ob unser Plan wohl aufgehen würde oder aber „unsere“ Schutzhütte hinter Steinbach a.W. wohl auch schon belegt sein würde?!

Diese Frage und der ein oder andere Umstand, den ich gar nicht mehr genau erinnere, führte uns dazu, dass wir eine Entscheidung treffen mussten: Risiko eingehen, dass der Schlafplatz schon belegt ist und bis zur nächsten Hütte weiter in die Nacht rein fahren müssen oder einfach aus dem geplanten Overnighter eine lange Nacht machen und von Steinbach a.W. zurück nach Saalfeld und im Auto übernachten. Bei einem Döner, der an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen offensichtlich Drehspieß heißt und wider besseren Wissens zur Stärkung beitragen soll, entschieden wir uns, die geordnete Rückfahrt anzutreten.

Nach 130 km auf dem Orbit Track gab uns Komoot noch weitere 35 km mit einem knackigen Anstieg und einer langen Schlussabfahrt ins Ziel nach Saalfeld an. Nicht nur unsere Akkus waren schon etwas erschöpft, sondern auch mein Rücklicht musste ich während der Fahrt über die Powerbank laden, um noch gesehen zu werden, bis wir schließlich wieder am Wohnmobilstellplatz an den Feengrotten einrollten – nach 16 Stunden, 166 Kilometern und 3.750 Höhenmetern. Alles noch sauber verstaut, einen Tee zum warm werden und dann „Gute Nacht“.

Mein Fazit

Der Thüringen Orbit: Der Track ist auf dem befahrenen Teilstück super heterogen: Zwischen Saalfeld und Ziegenrück viele tolle Off-Road Abschnitte mit anspruchsvollen Anstiegen und Abfahrten – danach deutlich mehr Asphalt und ein gemäßigteres Streckenprofil. Das hat seinen Reiz und doch hätte es etwas ausgewogener sein dürfen, nachdem der erste Teil einige Körner kostet. Der Track ist auch fast immer gut fahrbar, die Top-Zeiten von 12 – 13 Stunden erscheinen gleichzeitig astronomisch.

Meine persönliche Erfahrung: Es war ein Fest… ein anstrengendes und voll mit landschaftlichen Highlights, garniert mit einer MacGyver-Lehrstunde im Mantel-Nähen, der Erkenntnis, dass ich der Beleuchtung in Herbst und Winter noch etwas mehr Aufmerksamkeit bei der Vorbereitung schenken muss und meine Reparaturausstattung für unterwegs noch etwas Potenzial nach oben hat. Und danke natürlich an Tobi für einen tollen Tag im Sattel!

 

ORBIT360 - Germany's First GRAVEL Series

  • Each ORBIT is Single Stage, Unsupported
  • 16 Tracks, one for each German state
  • Choose one, more or ride them all!
  • Start when and where you want
  • 4.320 km total & 41.600 hm total
  • Race Period (2020) 04.07. – 06.09.2020
Mehr Informationen, Routen und Anmeldung unter:
 

Titelbild: Tobias Köpplinger
Fotos: Simply Bikepacking, Tobias Köpplinger, Orbit360