Orbit360 - Schleswig-Holstein im Zick Zack

Gut drei Woche ist es nun schon her, dass ich auch auf dem Weg in den Sommerurlaub nach Norwegen meinen zweiten Orbit „dazwischen geschoben“ habe. Nach dem südlichsten Orbit der Republik war Schleswig-Holstein als nördlichste Route dran. Mit 276 Kilometern, 1.490 Höhenmetern und den ersten Langstreckenerfahrungen vom Bayern Orbit sollte es etwas entspannter zugehen. Ein weiterer großer Vorteil: Anders als beim Bayern Orbit, waren bereits einige Fahrer die Route im Race Modus gefahren und das Ranking auf der Orbit Website sowie die Erfahrungsberichte dienten als gute Orientierung, was mich erwartet. Mit kleinen Anpassungen am Setup gegenüber Bayern war mein Ziel ein 20er-Schnitt und eine Gesamtzeit von 15 Stunden. Hier der kurze Race Report.

Morgens um 5 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, packte ich am Wohnmobilstellplatz in Niendorf a.d. Ostsee meine „sieben Sachen“ für einen langen Tag im Sattel. Eine wesentliche Veränderung nach den Erfahrungen in Bayern: Schlafsack und Bivy als Fallback, falls es doch zu spät werden sollte, kamen nicht mit ins Gepäck. Ich habe mir einfach mehr zugetraut und konnte damit auf Satteltasche und etwas Gewicht verzichten. Außerdem hatte ich diesmal von Anfang an auch „salzige Snacks“ (NicNacs) mit dabei, nachdem mir beim letzten Mal irgendwann die Lust auf Snickers & Co. vergangen war. Vom WoMo-Stellplatz ging es erstmal runter an den Strand und die Promenade entlang, um die morgendliche Ruhe und die überwältigende Morgenröte einzufangen – eine Freude, die in Worten kaum auszudrücken ist und mich noch den ganzen Tag motiviert hat. Daher kann ich nur jedem den morgendlichen Start am Küstenabschnitt des Tracks ans Herz legen. Dann ab auf den Track, der zunächst auch direkt an der Küste verläuft. Es war einigermaßen frisch, für Küstenverhältnisse fast windstill, was auch den ganzen Tag so bleiben sollte und die ersten Kilometer liefen flüssig runter. Um 6.15 Uhr, also nach einer guten Stunde, war ich bereits über 20 km gefahren und damit fast doppelt so schnell unterwegs, wie auf dem anfangs zähen Bayern Orbit. Allerdings merkte ich bereits hier, dass ich ziemlich oft den Track verfehlte: Oft, wenn ich gerade etwas Fahrt aufgenommen hatte, kam ein Abzweig, den ich nicht erwartet hatte und prompt verpasste. So bleibt mir die Route auch als Zick Zack in Erinnerung. Bei KM 40 erreichte ich nach etwa 2 Stunden Lübeck und der Stopp für ein Bild am Holsten-Tor als Wahrzeichen der Stadt ist obligatorisch. Die Route schlängelte sich dann weiter durch die Stadt und ich nutzte die Gelegenheit am Elbe-Lübeck-Kanal für einen ersten Tankstellen Pit Stop (Esso direkt am Track), bevor es mit belegtem Brötchen und aufgefüllten Flaschen weiter in Richtung Bad Oldesloe ging. Die Beine waren gut, der Schnitt im Plan und der Track zuweilen sehr urban.

 

Bei KM 70 war ich überrascht und erfreut zugleich von Bad Oldesloe: Kleine Brücken und verwinkelte Gassen im Ortskern, der von der Trave umschlossen ist. Das nutzte ich für einen kleinen Stopp und mit einem weiteren belegten Brötchen im Gepäck ging es weiter – verhungern würde ich wohl nicht und der Track war einfach zu fahren, doch es ging im Zick Zack weiter. Der Abschnitt von Bad Oldesloe bis zum westlichen Punkt der Strecke sorgte weiter für positive Abwechslung. Waren zuvor viele Orte auf der Route und das ein oder andere Wohngebiet zu durchqueren, wurde es hier ländlicher und der Weg durch das Brenner und Nienwohlder Moor war für mich neben der Küste einer der schönsten Streckenteile. Der Track führt dort wirklich durch die Natur und nicht „nur“ hinter einer grünen Hecke durch urbanes Gebiet. Auf dem Weg nach Henstedt-Ulzberg stach der Klingenberg mit dem Fernmeldeturm Neverstaven ins Auge und prägte das Streckenbild für einige Kilometer, während eines gefühlten Slaloms – die elegante Variante des Zick Zack – rund um Sülfeld. Gegen 14 Uhr – fast 9 Stunden unterwegs und der Tacho stand bei etwa 160 KM – war Zeit für eine Mittagspause und einen kleinen Umweg zum Rewe in Rehn, einem Stadtteil von Henstedt-Ulzberg unweit der Alsterquelle, die ohne das entsprechende Hinweisschild wohl kaum als solche zu identifizieren gewesen wäre. Eigentlich wollte ich nur „kurz“ pausieren, da die Pausenzeit am Ende ein wesentlicher Faktor für die Gesamtzeit sind. Das Ergebnis war allerdings nicht wirklich befriedigend, denn die Suche nach einem Essbesteck (für den Bulgursalat aus dem Rewe) hat gefühlt länger gedauert, als das Essen selbst. Außerdem hatte ich vorher zunächst an einem Rewe gehalten, der nur Getränkemarkt war und in Summe hier unnötig viel Zeit verschenkt – wieder was gelernt: Überleg dir vorher was du willst und geh dann in den Laden. Mittlerweile hing ich also dem Zeitplan etwas hinterher und stellte fest, dass es nicht ganz unanstrengend war, aber abgesehen vom anhaltenden Zick Zack und den zuweilen häufigen Querungen von Straßen zwischen zwei Waldstücken waren Körper und Geist voll bei der Sache.

 

Die „zweiten Hälfte“ meines Schleswig-Holstein Orbit begann mit (gefühlt) viel, viel Straße bzw. Radweg in Richtung Bad Segeberg. An der AVIA Tankstelle direkt am Track gönnte ich mir ein Domino-Eis – ein Relikt der Kindheit – und vorausschauend gleich noch das letzte Laugengebäck mit Käse und Schinken in der Auslage. Der erfolgreiche Besuch der Toilette blieb mir dagegen verwehrt, da der freundlich-hilfsbereite Tankstellen-Azubi zwar den Chef informiert, dass das Toilettenpapier mal nachgelegt werden müsste. Der Chef hatte allerdings wohl die Dringlichkeit nicht erkannt, weshalb ich mich dann nach wenigen Minuten des Wartens für’s Weiterfahren entschied.

Spätestens hinter Bad Segeberg holte mich das (unnötige) Herunterladen und (erneute) Importieren des Tracks in Komoot wieder ein: Ein Teilstück entlang der Trave war aufgrund ausstehender Baumfällarbeiten gesperrt und wurde in der Originalroute umfahren. In der von Komoot beim Import „abgewandelten“ Route wurde ich in den Sperrebereich navigiert (zu spät) und sollte dann über einen zumindest mit bloßen Augen nicht erkennbaren Weg wieder aus selbigem Sperrberich hinaus. Ich lehnte dankend ab, fuhr weiter und nahm den nächstmöglichen Abzweig, bei dem ich das Rad eine steile Böschung hinauf tragen durfte, um dann wenige 100 Meter später wieder auf dem selben Weg zu landen und den Absperrzaun am Ende erneut zu umfahren. Das alles hätte ich mir (als Komoot-Nutzer) sparen können, wenn die Orbit Track in Komoot direkt aktualisiert worden wäre. Da dem aber nicht so war, hab ich innerlich erstmal den Planer verflucht.

Den Rest der Strecke hatte ich mir gedanklich in drei Abschnitte eingeteilt bis Eutin (KM 210), Neustadt (KM 250) und dann zum Ziel. Auf dem Weg nach Eutin holte mich dann eine weitere Nachlässigkeit ein: Nach gut 12:30 Stunden hatte mein Wahoo nur noch 15% Akku und der erste Griff ging natürlich zur Powerbank, die – wie ich schnell feststellte – nicht geladen war. Bei noch verbleibenden 65 KM definitiv außerhalb der Komfortzone und auf dem Smartphone sah es nicht viel besser aus. Bei meiner letzten Snack-Pause im Nahkauf in Eutin unweit der Strecke versuchte ich vergeblich eine Lademöglichkeit ausfindig zu machen. Die freundlich im Laden angebotene Steckdose konnte ich leider nicht nutzen, da mir zum vorhandenen Ladekabel das Ladegerät fehlte und die Verkäuferinnen „natürlich“ kein Ladegerät in der Arbeit dabei hätten und eine Passantin versicherte mir freundlich, dass Ihr Auto nur einen Zigarettenanzünder hat, für USB sei es aber zu alt. Also weiter zwischen Hoffen und Bangen.

So kam es auch, dass ich den Rest der Strecke nur noch begrenzt erinnere. Vor allem der Aufstieg zum Bungsberg nach etwa 230 Kilometern und die Abfahrt vom selben sind mir noch gut in Erinnerung. Der Weg auf den höchsten Punkt von Schleswig-Holstein bot wirklich die einzige nennenswerte Gelegenheit mal „einen Gang runter zu schalten“, bevor ich die Aussicht genießen und in die Abfahrt starten konnte, bei der nur (mindestens) ein querliegender Baum die Fahrfreude kurzzeitig unterbrach. Zwischenzeitlich hatte sich die Strecke auch zu einem soliden Gravel-Mix entwickelt – mit kurzen Abschnitten, die eher an Paris-Roubaix erinnert haben – und die verbleibenden Kilometer auf dem Weg in Ziel purzelten glücklicherweise schneller als der Akku des Wahoo.

Gegen 21 Uhr war ich schließlich zurück in Niendorf a.d. Ostsee angekommen und hatte mit 16:09 Stunden mein Ziel doch einigermaßen deutlich verpasst. Zufrieden war ich trotzdem und ebenso geschafft von der langen Distanz – genauso wie das Wahoo, das sich nach dem erfolgreichen Upload der Strecke in den verdienten Feierabend verabschiedete.

Mein Fazit

Der Schleswig-Holstein Orbit: Der Track ist technisch wenig anspruchsvoll und wird vor allem durch seine Länge zur Herausforderung, da mit Ausnahme des Bungsberg auch keine nennenswerten Anstiege gibt. Die Wegebeschaffenheit ist durchweg gut und zu fast 100% fahrbar – u.a. auch aufgrund des relativ hohen Aspahltanteils. Was bei anderen Tracks das Auf und Ab ist, ist hier der Zick Zack, auf dem sich die Route durch Schleswig-Holstein windet. Absolutes Highlight ist der Abschnitt an der Ostseeküsten.

Meine persönliche Erfahrung: Der Track war nicht zu 100% mein Favorit und doch am Ende eine tolle und lohnenswerte Erfahrung – und nur aus denen wird man schlau. Mein Pausen-Management ist eindeutig verbesserungswürdig und beim nächsten Mal bleibt die Powerbank zu Hause und dafür kommt das B+M E-Werk mit. Der nächste Orbit kann kommen.

Strava: https://www.strava.com/activities/3805824296
Komoot:  
https://www.komoot.de/tour/225336638

ORBIT360 - Germany's First GRAVEL Series

  • Each ORBIT is Single Stage, Unsupported
  • 16 Tracks, one for each German state
  • Choose one, more or ride them all!
  • Start when and where you want
  • 4.320 km total & 41.600 hm total
  • Race Period 04.07. – 06.09.2020
Mehr Informationen, Routen und Anmeldung unter: https://orbit360.cc
 

Fotos: Simply Bikepacking, Orbit360