Orbit360 - Bayern Aus der Umlaufbahn

Vor einigen Wochen habe ich eine längere Sprachnachricht von Raphael erhalten mit einigen Informationen und der Frage, ob ich nicht Lust hätte, für ein Event in diesem Sommer eine Gravelroute in Bayern zu gestalten. Dankend habe ich abgelehnt, nachdem ich erst einige Woche zuvor Papa geworden bin und doch war ich gespannt, was da kommt. Vor kurzem war es nun soweit: Mit Orbit360 haben Raphael Albrecht und Bengt Stiller Deutschland’s erste Gravel Serie an den Start gebracht. Und noch bevor das offizielle Event startet, habe ich den Bayern Orbit unter die Räder genommen. Der von Lukas Eger gescoutete Rundkurs kommt mit 260 Kilometern und 3.280 Höhenmetern daher und führt von München bis in die Voralpen und zurück. Für mich war es eine super Gelegenheit, die Gegend zu erkunden, herauszufinden wo ich aktuell mit Kopf und Körper stehe und natürlich dem Charakter von Orbit360 auf den Zahn zu fühlen. Also habe ich in der letzten Woche mein Bombtrack Hook EXT-C gepackt und mich auf den Weg nach München gemacht. Mit im Gepäck nur das Nötigste und einen grobe Plan: Um 2:00 Uhr Start von der Großhessenloher Brücke im Süden von München und dann mit einem Schnitt von 17 KM/H in etwa 20 H Gesamtzeit und 15 H Fahrzeit durchkommen, sodass ich gegen 22 Uhr wieder zurück bin. Dabei regelmäßiges Essen (alle 45 MIN) und Trinken (min. alle 30 MIN) nicht vergessen.

Mit 1H Verspätung ging es dann los: Direkt an der Isar, an der die Strecke auch die ersten Kilometer entlang führt – zunächst auf Schotterwegen, um dann auf sandige und enge Singletrails abzubiegen. Schon dieser Abschnitt war nach dem Regen der vorangegangenen Tage eine echte Herausforderung – fahrerisch und für die Motivation – denn nach knapp einer Stunde war ich gerade einmal 9,4 KM voran gekommen! Beim Anblick einer Kröte, die vor mir über den matschigen Weg gehüpft ist, kam ich nicht um den Gedanken herum, dass sie wohl schneller unterwegs ist als ich. Weiter in Richtung Wolfratshausen und mit dem einsetzenden Morgengrauen wurde die Strecke besser und mein Schnitt schneller. Und zwischen den sanften Hügeln haben sich die ersten Panoramen geboten, die viel Lust auf das gemacht haben, was in den Bayerischen Voralpen noch kommen sollte. Die ersten Höhenmeter, die man bis Wolfratshausen kontinuierlich klettert, werden dort nach etwa 25 KM mit einem tollen Ausblick und einer schnellen Abfahrt belohnt. Weiter führte die abwechslungsreiche Strecke recht wellig durch Wälder und Felder in Richtung Bad Tölz. Dabei haben wurzelige und schlammige Abschnitte immer wieder etwas die Geschwindigkeit raus genommen – keinesfalls aber den Spaß. Gegen 8:00 Uhr hatte ich Bad Tölz erreicht und es war Zeit für die erste richtige Pause (so mit Hinsetzten und so). Ein Edeka mit Bäckerei (inkl. Toilette) befindet sich am Bahnhof nur ca. 500 M vom Track entfernt. Nach einer Stärkung ging es weiter an der Isar in Richtung Lenggries und dem nun dominierenden Alpenpanorama.

Von Lenggries aus steigt die Route auf einem parallel zur Straße laufenden Radweg stetig an, bis sie schließlich bei KM 90 den Sylvensteiner Stausee erreicht und ein herrliches Panorama bietet: Das türkisblaue Wasser des Stausees vor teils bewaldeten Berggipfeln. Gegen 10:30 Uhr war ich mehr als gut drauf, die Beine haben sich gut angefühlt und im kleinen Örtchen Fall habe ich vor dem dann anstehenden Abschnitt mit den drei höchsten Anstiegen der Strecke nochmal die Gelegenheit für eine kurze Pause genutzt. Im Hotel „Jäger vom Fall“ wurden mir bereitwillige noch zwei Brötchen belegt (je 2,50 EUR) und ich konnte Wasser nachfüllen, das bei den Temperaturen um mittlerweile fast 30 Grad immer wichtiger wurde. Weiter ging’s dann erstmal recht eben durch das Isartal zunächst auf Schotter, durch eine trockenes Flussbett und anschließend auf der Mautstraße Vorderriss-Wallgau. Dort ist ein Mountainbiker am Straßenrand entlang gehumpelt, den ich – wie es sich gehört – gefragt habe, ob er etwas brauchen kann. Und tatsächlich konnte ich Ihm mit einer Schmerztablette aushelfen, nachdem er sich wohl das Knie verdreht hatte. Im Gegenzug habe ich einen Apfel bekommen und mich dann freundlich wieder auf den Weg gemacht.

Nach etwa 110 KM beginnt der bergige Teil der Route: Von der Mautstraße sticht ein Forstweg steil in den Wald und gab mir sofort ein Gefühl dafür, was auf den nächsten 30 KM bis Ohlstadt kommen würde. Die Überquerung des ersten Bergkamms führte auf den höchsten Punkt der Strecke bei 1.090 M und eröffnete auf der schnellen, aber nicht technisch anspruchsvollen Abfahrt einen grandiosen Ausblick auf den Walchensee, den ich schließlich nach 120 KM und 10 H nach den Start um etwa 13 Uhr erreicht hatte. Wenn die Strecke zuvor fast „menschenleer“ war, war hier am touristischen Highlight eine ganze Menge los. Erst nach einer halben Runde um den See mit Blick auf Heimgarten & Co. und dem Start in den nächsten Anstieg wurde es wieder ruhiger. Gleichzeitig bieten die Wirtschaften am See auch nochmal die Möglichkeit zum Auffüllen von Vorräten. Zwischenzeitlich war ich auch auf einer nachhaltigen Geschwindigkeit unterwegs und der Schnitt hatte sich bei ca. 15 KM/H eingependelt. Der Zeitplan war allerdings bereits nicht mehr haltbar, sodass absehbar war, dass ich entweder deutlich länger und nochmal durch die Nacht fahren muss oder aber Bivy und Schlafasck, die ich zur Sicherheit mitgenommen hatte, für eine Nachtlager brauche. Aber erstmal ging’s weiter, diese Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu treffen. Nächstes Ziel war Ohlstadt, das zwischen Kochelsee und Murnauer Moos das Ende des bergigen Teils der Route markiert. Auf dem Weg dorthin waren einige Wege wegen Viehtrieb „gesperrt“. Das kann passieren und wenn man gerade an diesem Tag dort ist, dann muss man eben abwägen, ob man trotzdem durch kann – dafür habe ich mich entschieden und es war problemlos – oder umfährt. Alles in allem sind die Ansteige sehr gut fahrbar und können mit dem richtigen „Granny Gear“ auch durchgetreten werden. In Ohlstadt angekommen waren mehr als die Hälfte der Kilometer und der Großteil der Höhenmeter geschafft und nochmal Zeit für eine Pause. Bei Brotzeit und (alkoholfreiem) Weißbier im urigen „Dorfbach Stüberl“ direkt an der Strecke. Dort hatte ich auch das Interesse des Stammtisches geweckt und einer seiner Vertreter erkundigte sich, ob bei so vielen Kilometern auf dem Rad mit meinen „Gackerln“ noch alles okay sei… er sei ja mal 160 KM auf dem MTB gefahren und wusste danach nicht mehr, ob er Männlein oder Weiblein war.

Gestärkt und gut unterhalten machte ich mich gegen 16 Uhr auf die „letzten 120 KM“. Zwischenzeitlich hatte ich mich schon ab und zu mit Lukas ausgetauscht, was mich auf der Strecke noch so erwarten würde, um später zu entscheiden, ob ich durchfahre oder nicht – Tendenz: durchfahren. Dabei hatte insbesondere der Forstenrieder Park kurz vor dem Ziel meinen Respekt, da dort Waldtiere wie Rehe und Wildschweine frei unterwegs sind. „Slow and steady“ ging es also weiter auf der abwechslungsreichen Mischung als tiefen Waldwegen, Schotter, Radweg, Singletrail und hier und da mal etwas Straße. Und so langsam merkte ich nach 180 KM, dass ich mich auch nicht mehr ganz frisch fühlte. Da haben der rege Austausch mit Lukas und die Aussicht auf eine weitere Pause in Tutzing am Ammersee bei 200 KM gut getan und motiviert. Kurz vor 22:00 Uhr hatte ich Tutzing dann auch erreicht und konnte gerade noch ein paar Snacks von der Tankstelle direkt an der Route ergattern, während mich die freundliche Kassiererin nachdenklich fragte, warum man 260 Kilometer mit dem Rad fährt… meine Antwort: „Damit man weiß, dass man es kann.“ Und ich hatte das Gefühl ich konnte, noch mehr wollte ich aber. Die Beine waren okay und es tat nichts weh, nur das Gefühl der Lockerheit war schon länger weg – und nach fast 20 H ließ auch die Konzentration etwas nach. Deshalb habe ich mir gerade auf einem längeren Singletrail auch mehr Zeit gegönnt und bin eher nach der 80/20 Regel voran gekommen – 80% Fahren und 20% Schieben. Dafür jedoch nahezu ohne nennenswerte Pausen. Immer in meinem Kopf war der Gedanke an den Forstenrieder Park und die Hoffnung, dass mir doch nach dann fast 24 H kein Reh oder Wildschein mehr begegnen würde. Doch es kam, wie es kommen musste… erst stand das Reh vor mir auf dem asphaltierten Weg und wusste nicht genau, ob es nun nach rechts oder links vor mir flüchten sollte – das Klacken der Hufe habe ich noch immer im Ohr – und keine 5 Minuten später drollte sich das Wildschwein auf den Weg. Ebenso schnell, wie es kam, war es aber auch wieder weg und ich mit einem kurzen Schrecken davon und konnte auf die letzten Kilometer Radweg entlang der Isar zum Ziel einbiegen. Um kurz vor 3:00 Uhr nach fast 24 H, 17:30 H im Sattel und 265 KM gefahrenen Kilometern war ich zurück am Startpunkt des Bayern Orbits. Müde, geschafft und zu kaputt, um glücklich oder stolz zu sein. 

Mein Fazit

Der Bayern Orbit: Multi-surface vom Feinsten, abwechslungsreich und definitiv eine Herausforderung. Vor allem bei Regen können einige Waldabschnitte zu tiefen Schlammtöpfen werden und eine größere Herausforderungen darstellen, als die nicht zu unterschätzenden Ansteige. Gleichzeitig kommen auch Singletrails nicht zu kurz. Insgesamt aber mit der richtigen Ausrüstung nahezu 100% fahrbar.

Für alle, die es am Stück fahren, eine ordentliche Challenge – für alle andern eine schöne Bikepacking Route als 2-3 Tagestour.

Meine persönliche Erfahrung: Der erste Ausflug in Richtung echte Langstrecke hat mich absolut positiv überrascht! Der Körper hat ohne größeres Murren oder Schmerzen alles mit gemacht und auch nach über 20 H unterwegs war die Konzentration noch gut – auch wenn Sie definitiv nachlässt. Dass Essen und Trinken unterwegs wichtig sind, war klar und ein Rhythmus wichtig. Mit der Zeit wurde die Energiezufuhr aber auch mehr und mehr zur Kopfsache. Ebenso wichtig war, es am Anfang nicht zu übertreiben und langsam an eine „nachhaltige Geschwindigkeit“ heran zu tasten.

Tolle Erfahrung, viel gelernt und ausbaufähig auf dem ein oder anderen weiteren Orbit!

ORBIT360 - Germany's First GRAVEL Series

  • Each ORBIT is Single Stage, Unsupported
  • 16 Tracks, one for each German state
  • Choose one, more or ride them all!
  • Start when and where you want
  • 4.320 km total & 41.600 hm total
  • Official Start on 04.07.2020
Mehr Informationen, Routen und Anmeldung unter: https://orbit360.cc